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Heute ist der 20. März

Der 20. März ist ein Gedenktag, den auch wir im letzten Jahr übersehen haben, aber nun endlich – zum 31. Jahrestag – wollen wir ihn im Rahmen unserer diesjährigen „Lesezeichen 10. Mai“-Aktivitäten genauer in den Blick nehmen.

Heute vor 31 Jahren, am 20. März 1995, wird das von Micha Ullmann entworfene Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung eingeweiht. Der unterirdische Raum, der in den Bebelplatz eingelassen ist, befindet sich in Nachbarschaft zu einer Tiefgarage im früheren Lindentunnel und steht exemplarisch für das „Versunkene Gedenken“ am bekanntesten Schauplatz der Bücherverbrennung in Berlin. Das Mahnmal wird im Alltag leicht übersehen oder unbemerkt übergangen und zumeist nur an Jahrestagen oder von interessierten Tourist:innen gezielt aufgesucht, selten aber spontan gefunden.

Wenig Aufmerksamkeit erfährt ebenfalls die von Heinz Knobloch initiierte und mit dem Text von Peter Edel beschriftete Gedenktafel aus Bronze, die am Haupteingang der Juristischen Fakultät der HU Berlin angebracht ist. Seit Anfang September 1980 hängt sie an der Fassade dieses Gebäudekomplexes: zunächst auf der „Unter den Linden“-Seite am Alten Palais, seit 2006/2007 am heutigen Standort am Mittelrisalit der als Kommode bekannten Alten Bibliothek (übrigens: bis 1990 befand sich am Haupteingang der Kommode eine Gedenktafel, die auf Lenins Studienaufenthalt im Jahr 1895 in der damaligen Königlichen Bibliothek verwies, woran im Gebäude, im ehemaligen Lenin-Lesesaal, bis heute ein farbiges Glasfenster erinnert).

Erst im Januar 1996 erhielt die Peter-Edel-Tafel den Datumszusatz „12. Mai 1983“, über dessen Bedeutung sich bis dato nur mutmaßen lässt. Anfang der 1990er Jahre wurde die Tafel zeitweise abgehängt, da sie laut damaligem Berliner Bausenator “dem Anlaß nicht mehr gerecht“ werden würde. In dieser Zeit liefen Planungen zu einem Denkmal am Bebelplatz, die bereits 1987 im Anschluss an das „Internationale Schriftstellergespräch“ am 8. Mai begonnen hatten und schließlich 1993 – nach Auslobung eines Wettbewerbs – mit dem ausgewählten Entwurf von Micha Ullmann ihr administratives Ende fanden.

Gedenktafel und Denkmal, die aktuell einzigen offiziellen Gedenkorte am „Ort des Geschehens“, sind beide mit dem Engagement von Heinz Knobloch verbunden. Dessen Geburt jährte sich am 3. März 2026 zum 100. Mal, woran in diesem Jahr insbesondere dank Helmut Mehnert erinnert wird, vgl. https://heinz-knobloch.de/hundertjahrfeier/.

Über die Gedenktafel von Peter Edel sagt Knobloch am 20. März 1995, er habe sich damals „gefreut, sie verursacht zu haben“ – und steht in jenem Moment auf dem Zwischenpodest des rechtsseitigen Treppenarms im Foyer der heutigen Juristischen Fakultät.

Seine mit „Bücherverbrennung!“ überschriebene Rede hält Knobloch im Rahmen der Ausstellung, die anlässlich der Übergabe des Ullmann-Mahnmals stattfindet, u. a. im Beisein von Kultursenator Roloff-Momin und Bausenator Nagel. Schon das Ausrufezeichen im Titel zeugt vom Impetus, der Bücherverbrennung am Bebelplatz angemessen öffentlich zu gedenken. Knobloch bekundet seinen Dank und Respekt für Ullmann, dessen Denkmal, „Gedanken verursacht, die Berlin benötigt“ – und zitiert dann seine Mitte der 1970er Jahre gestellte Anforderung an eine solche Gedenktafel:

„Sie muß aber so beschaffen sein, daß keine Kränze niedergelegt, sondern Gedanken davon getragen werden können.“

In Bezug auf die 1980 installierte Gedenktafel (und den bei der Rede anwesenden Bausenator) spricht er sich für ihren Erhalt aus und argumentiert:

„Mag sie heutzutage als überholt gelten und zur Entfernung vorgesehen sein – ihr Text stammt von dem verstorbenen Peter Edel, einem Schriftsteller jüdischer Herkunft. Er überlebte Auschwitz. Wer, wenn nicht er, hatte das Recht, uns zu mahnen …“

Vor 1995 bzw. vor 1980 gab es weder Denkmal noch Gedenktafel, aber Menschen, die gedacht haben und mitunter Gedanken verursacht haben. Und so erinnert Knobloch in seiner Rede am 20. März 1995 an Daten, Ereignisse, Orte, Institutionen und Personen, die am Bebelplatz verortet sind, wenn wir an die Bücherverbrennung (ge-)denken: an den 10. Mai 1934, Paris und die „Deutsche Freiheitsbibliothek“, an die USA am 10. Mai 1943, an die Erinnerungs- und Kulturpolitik der DDR, die Konditorei der Deutschen Staatsoper und ganz konkret an den 12. Mai 1976. An diesem Tag, der sich 2026 zum 50. Mal jährt, hält Heinz Knobloch eine Rede im Rahmen der „Auszeichnung verdienter Bibliothekare“, die jeweils am „Tag des freien Buches“ im damaligen Operncafé veranstaltet wurde. Dort stellt Knobloch fest:

„Auf dem August-Bebel-Platz, hier nebenan, gibt es keinen Denkstein, der den Vorübergehenden aus dem In- und Ausland davon unterrichtet, daß 1933 hier der mit Weltliteratur genährte Scheiterhaufen gebrannt hat. Es gibt keine mahnende Gedenktafel. Also müssen wir von selber daran denken, es weitersagen, es anderen Menschen zeigen und nicht vergeßlich sein“

zitiert aus: Heinz Knobloch (1976): „Bibliothekare führen ein bewegtes Leben“. In: Der Bibliothekar. Zeitschrift für das Bibliothekswesen, 30 (7), Juli 1976, hier S. 434

Am 20. März 1995 erinnert Knobloch sich in seiner „Treppenrede“ an diese Zeit:

„Ich, als Bücherschreiber, fühlte mich beschämt verantwortlich für diese Achtlosigkeit und nannte diesen Platz in meinem 1979 erschienenen Buch ‘Herr Moses in Berlin’ einen ‘Parkplatz der Gedankenlosigkeit’, drohte eine Subskription an für eine Gedenktafel.”

zitiert aus: Heinz Knobloch (1996): Mißtraut den Grünanlagen! Extrablätter. Berlin: Transit, S. 130-132 – dort auch alle anderen Zitate aus der „Treppenrede“

Der „Gedankenlosigkeit“ etwas entgegen zu setzen, Gedanken (und Gedenken) zu verursachen, motiviert seit mehr als 20 Jahren auch die HumboldtInitiative und ihr Projekt „Lesezeichen 10. Mai“. In diesem Jahr möchten wir die Impulse von Heinz Knobloch zum Ausgangspunkt nehmen, um uns über das „Projekt Bebelplatz“ auszutauschen. Mit Blick auf den 10. Mai 2033 fragen wir, welches Wissen, welche Erinnerungen und welche Perspektiven Berlin benötigt und uns (noch) fehlen – und wie diese auf dem Bebelplatz öffentlich wahrnehmbar werden könnten bzw. sollten.

Wir laden herzlich dazu ein, euch und eure Gedanken einzubringen, gerne bei unserer Lesezeichen-Veranstaltung am 12.05.2026, weiteren Anlässen (siehe unten) oder per Mail.

Dieser Beitrag beruht auf den Recherchen von Helmut Mehnert. Herzlichen Dank!
Autorin: Juliane Pfeiffer, 20.03.2026


Weiterlesen!

Helmut Mehnert (o.D.): Mahntafel zur Bücherverbrennung, https://heinz-knobloch.de/wirkung-nachlass/mahntafel-zur-buecherverbrennung/

Bernd Friedrich (20.02.2026): Heinz Knobloch. Erfahrungen und Gedanken gegen den Antisemitismus, https://progressive-linke.de/10_heinz-knobloch-erfahrungen-und-gedanken-gegen-den-antisemitismus

Weiter(ge)denken! Save the dates!

Veranstaltungen anlässlich des 100. Geburtstages von Heinz Knobloch: https://heinz-knobloch.de/hundertjahrfeier/

jeden Sonntag, so voraussichtlich auch am 10.05.2026, 16 Uhr, Bebelplatz: „Nächster Halt: Sonntag!“, wöchentliche öffentliche Versammlung der Initiative Eltern gegen Rechts, https://eltern-gegen-rechts-berlin.de/naechster-halt-sonntag-fuer-demokratischen-zusammenhalt-und-eine-lebenswerte-zukunft-fuer-alle/

12.05.2026, 18 Uhr, im Foyer (inkl. Treppe) der Juristischen Fakultät (Bebelplatz 2): „Lesezeichen 10. Mai 2026: Projekt Bebelplatz“, Infos demnächst auf unserer Webseite unter Aktuelles

[tbd.] 13.05.2026: Eröffnung der Ausstellung „Im Fokus – Heinz Knobloch“ im Stabi Kulturwerk, vsl. Laufzeit: 3 Monate, Infos demnächst unter: https://stabi-kulturwerk.de/

[tbd.] 27.06.2026, während des Berliner Bücherfestes, vor der Juristischen Fakultät (Bebelplatz 2): „Platz nehmen! Austausch über das ,Projekt Bebelplatz‘“, Infos demnächst auf unserer Webseite unter Aktuelles